Stuttgarter Zeitung vom Donnerstag; 14. Juli 2011
Der Tod wandelt auf der Y-Burg
Weinstadt/Kernen.
Das Theater an der Linde ist zum Sommerfestival in der Ruine oberhalb von Stettengezogen. Mit Hofmannsthals Jedermann brilliert die Schauspielgruppe Ars Porca. Von Thomas Schwarz
Der Donner ist echt. Blitze zucken über der Y-Burg, ein Gewitter zieht vom Kernen her in das Remstal, gerade als Jedermann seinem Gesell von seinem Lustschloss vorschwärmt. Dicke Regentropfen prasseln in die Ruine, wo das Theater an der Linde zurzeit gastiert. "Wir unterbrechen, das wird zu gefährlich", ruft Birgit Nolte in das Publikum, das sich trotz des Unwetters nicht von den Sitzen gerührt hat. Die Y-Burg hat kein Dach, deshalb ist hier wirklich Open Air angesagt und sowohl die Bühne als auch die Zuschauerränge, die extra für das Sommerfestival eingebaut wurden, werden nass. Also unterbrechen Jedermann Matthias Rösler und Gesell Andreas Krohberger notgedrungen ihr Spiel. Zuschauer und Schauspieler flüchten ein Stockwerk tiefer unter die Bühne.
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes ist Teil des Freilichtsommers, der inzwischen fest zum Programm des privat betriebenen Theaters in Strümpfelbach gehört, das mit dem Saustall die kleinste Bühne der Region besitzt. Ars Porca nennt sich die Amateurtheatergruppe, die sich 2004 um die beiden Schauspieler Birgit Nolte und Oliver Nolte gebildet hat. Nach "Friedrich goes to Heaven", "Zehn Minuten Aufenthalt", Zwerg Nase", "Walpurgisnacht in den Strümpfelbacher Weinbergen" und "Kopfhören" beschäftigen sich die zehn Theaterenthusiasten seit einem Jahr mit dem Jedermann.
"Das Stück ist ganz aktuell", sagt Birgit Nolte. Zeitlos geht es darin um die Gier nach Reichtum und Macht, das Missverhalten des vermeintlich Mächtigen gegenüber anderen, die er schikaniert oder am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Es geht aber auch um Werte. "Diese sind bei Hofmannsthal christlich. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch, auch ohne religiösen Hintergrund, moralische Grundvorstellungen hat, die überall gleich sind", sagt Birgit Nolte, die beim Jedermann Regie geführt hat. "Was nehme ich von hier mit? Was bleibt von mir? Das sind Fragen, die in dem Stück gestellt werden."
Mit dem nahenden Tod konfrontiert, muss der reiche Jedermann, der stellvertretend für den Menschen an sich steht, erkennen, wie kümmerlich seine guten Werke sind. Sein Gesell, der immer zur Stelle war, wenn es galt, sich zu amüsieren oder andere aus dem Weg zu räumen, will ihn nicht auf der Reise mit dem düsteren Gast begleiten. Auch sein Vetter (Erwin Bosak), der bereits das Tafelsilber davontragen will, verspürt keine Lust, mit ihm zu gehen. Voller Verzweiflung merkt Jedermann, dass er allein ist, nicht einmal sein Geld kann er mitnehmen. Einzig seine wenigen guten Werke (Sigrid Krügel) stellen sich dem Teufel (Krohberger) in den Weg, der schließlich frustriert von dannen ziehen muss.
Schaurig ist die Geschichte, aber sie hat auch durch originelle Regieeinfälle komische Szenen. So freuen sich Jedermanns Festgäste ganz kindisch darüber, die Reise nach Jerusalem spielen zu dürfen. Die gesungene Ballade vom Meuchelmord wirkt noch makaberer, da der Tod persönlich mit im Spiel ist. Peter Ladwein wirkt zwar bedrohlich, manchmal hat man aber das Gefühl, einen melancholischen Geist durch das alte Gemäuer wandeln zu sehen.
Die Y-Burg als Kulisse ist einzigartig. Alle zwei Jahre ist das Theater hier zu Gast. So wird bereits das Warten auf den Einlass zum Ereignis, wenn man vom Berg aus den Blick weit ins Land gehen lassen kann. Das Wetter hat bisher nicht immer mitgespielt, aber weder die Theatermacher noch ihr Publikum haben sich davon verdrießen lassen. "Wenn es zu schlecht ist, weichen wir ins Theater aus", sagt Oliver Nolte.
Waiblinger Kreiszeitung, Schorndorfer Nachrichten, Winnender Zeitung, Welzheimer Zeitung vom Donnerstag; 14. Juli 2011
Nur nicht zu fromm, zu erhaben
Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ mit der Theatergruppe Ars Porca auf der Y-Burg
Von unserem Mitarbeiter Michael Riediger
Kernen.
Vor dem Salzburger Dom, unter den Augen von Mönchen und Marmor-Heiligen, klingen die grusligen „Jedermann! Jedermann!“-Rufe besonders beeindruckend. Ein Renner fürs Festspiel-Publikum seit 1920. Jetzt wird „Jedermann“ aber wohl auch in Stetten fulminant gen Himmel fahren. Beim Theatersommer auf der Y-Burg, inszeniert vom Laienensemble Ars Porca.
„Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes.“ Es geht um einen Geizhals, der am liebsten seine Schatztruhe mit in den Himmel nähme, weil er sonst niemanden findet, der ihn auf seinem letzten, schwersten Weg begleitet: weder die Trink- und Feier-Freunde, deren Gier er mit Gelagen fütterte, noch der alte Weggefährte, der „gute Gesell“, der die Güter seines Chefs mit jenen Zinsen kauft, mit denen Jedermann seine Gläubiger ruinierte, noch gar die Buhlschaft, eine Geliebte jener Art, vor der Mütter ihre Söhne immer warnen.
Jedermann, der Proto-Kapitalist, den der Tod aus seinen besten, zinsträchtigsten Jahren reißt, ist ganz am Schluss auch nur ein armer Sünder. Und ausgerechnet die allegorische Figur seiner „guten Werke“ soll ihn vor der ewigen Verdammnis retten! Ein Stoff von ewig gültiger Aktualität und mit religiöser Färbung, wie sie der Autor, ein Agnostiker, als nicht zwingend ansah.
Immerhin: Daraus ließe sich eine Art antikapitalistisches Agit-Prop-Theater stricken, zumal nach der sogenannten Finanzkrise. Doch eine Szene mit bösen Bankern wird es in Stetten nicht geben. Eine derartige Aktualisierung des uralten Stoffes, der sich auf das mittelalterliche Mysterienspiel bezieht, wäre Birgit Nolte vom Strümpfelbacher Theater an der Linde zu banal.
Herausforderung Sprache:
Fantasie-Mittelhochdeutsch
Die regieführende Schauspielerin und ihre zehn Laiendarsteller wollten laut Nolte „die Herausforderung Sprache“ annehmen, die ihnen Hugo von Hofmannsthal mit seinen anachronistischen Versmaßen auferlegte. Im „Jedermann“ übernahm er den „Ton“ der Zeit in einem Fantasie-Mittelhochdeutsch, dessen sich kein Mensch wohl je bediente, außer auf dem Theater.
Und so kämpft die Regisseurin bei einer der letzten Proben auch in erster Linie um ein optimales Deklamieren, um die rechte Betonung, eine angemessene Dosierung von dichterischem Sentiment. Denn da lauern durchaus Fallstricke jener Art, dass etwa in der Szene, wenn die „guten Taten“ den armen Sünder zur Reue rufen, der Tonfall der Schauspieler nur ja nicht „zu fromm“ werde. Gott beispielsweise, der hier dem Teufel die Theologie erklärt, solle klipp und klar, solle „sachlich“ sprechen.
„Nicht so erhaben“, herrscht die Nolte eine Darstellerin an, beklagt auch des Öfteren ein Überagieren Jedermanns, etwa wenn ihn während der Abendgesellschaft in lustiger Runde seltsame Stimmen schrecken. „Du hörst diese Rufe in dir“, der Schauspieler solle „keine Comicnummer“ daraus machen und seine Griffe an den Kopf möglichst reduzieren.
Und dies, wohlgemerkt, bei einem überaus fähigen Ensemble, das auch in der Probe sprachlich wie gestisch schon weit über Amateurniveau agiert.
Ein bisschen Kapitalismus-Kritik, oder besser: gewisse Anti-Materialismus-Momente hat diese Spielschar dann aber durchaus doch noch dabei. Trefflich die Szene, in der sich die Tischgesellschaft buchstäblich von dannen stiehlt, jeder mit ein paar silbernen Löffeln im Wanst.
Herrlich auch, wie Jedermann und sein Handlanger eine Lobrede auf die Größe des Geldes halten und der „gute Gesell“ derweil ein Seil knüpft - für den nächsten Schuldner?
Verschlagene Untertöne
Er tut dies in einem feuerroten Anzug, der ebenso auf seine Doppelrolle als Teufel hinweist wie die Gestik und Versintonation mit hinterhältig-verschlagenen Untertönen. Dieser Geschäftsfreund hat was durchaus Diabolisches. Und wenn er ausgerechnet in der Rolle als Teufel die Ehrlosigkeit beklagt, lachen wir – weder fromm noch erhaben, sondern belustigt über die Abgründe der menschlichen Seele und auf eine Art, wie sie Hofmannsthal im Sinn gehabt haben könnte.