Ruhestörung

Ein Anfall

Premiere am 31.03.2010

„Oder der Hund. Das ist auch so ein Punkt. Thevens Hund! Kaum hat der Theven das Haus verlassen, da bellt der! Und hört nicht wieder auf. Und wenn er mal nicht bellt, dann ist das im Grunde noch schlimmer. Dann sitzt man nämlich an seinem Schreibtisch und wartet, bis er endlich einmal wieder anfängt zu bellen.“
aus: „Ruhestörung“ von Eugen Ruge

Ein Mann hat die Nase voll von Hundegebell, Staubsaugergeräuschen und Autolärm. Er bekommt einen Anfall. Denn ausgerechnet er - der lärmgeplagte Zu-Hause-Kopf-Arbeiter und Welt-Beobachter - bekommt von seinem Vermieter die Kündigung, weil er in seiner Wohnung herumgeschrien haben soll.

Ausgerechnet er, der sich bislang über nichts aufgeregt hat: weder über den Bohrmaschinen-Blödmann von nebenan, noch den Volksmusik-Schreihals von gegenüber. Noch über den Kreissägen-Junkie, der ständig Holz kleinmacht. „Es gibt im Grunde genommen fast keinen einzigen Tag innerhalb dieses Viertels, wo nicht auf ohrenbetäubende Weise gelärmt wird“, lässt Eugen Ruge seinen Helden sagen, der sich immer mehr hineinsteigert in die Ablehung einer Welt, die nicht mehr die seine ist. Denn in seinen schönsten Träumen lauscht dieser Mann längst den Schneeflocken, wenn sie Richtung Erde schweben.

„Ruhestörung“ von Eugen Ruge ist ein Monolog, ein Ein-Mann-Stück, ein Schauspiel. Was uns daran besonders gereizt hat: die Vielschichtigkeit der Person. „Ruhestörung“ beschreibt einen Menschen, der in keine Schublade passt. Und tut das in einer herrlichen Sprache. Witzig. Komödienhaft. Und todernst.

Und ab und zu darf sich der Zuschauer dabei ertappen, dass auch er zu jener Spezies der Ruhestörer gehört.

Zum Autor:
Eugen Ruge wurde 1954 in Sosswa am Ural in Russland geboren. Der studierte Mathematiker machte sich zunächst einen Namen als Autor von Hör- und Theaterspielen und Tschechow-Übersetzer. Für sein erstes Prosamanuskript wurde er 2009 mit dem von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. O-Ton der Jury: Ruges Text zeugt von „Dialogkraft, grimmigem Humor und der kunstvollen Fähigkeit zur episodischen Verdichtung“.

Urheberrechtsangaben
Autor: Eugen Ruge
Verlag: Merlin Verlag, Gifkendorf

 
 

Die Presse über RUHESTÖRUNG

Waiblinger Kreiszeitung (03.04.2010) - von Michael Riediger

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Mit diesem geschauspielertem Schicksal ist uns Nolte sehr wohl zu
nahe getreten. So sehr, dass wir fortan sein kleines Theater nicht nur für Kleinkunst, sondern auch in Erwartung großer Bühnenkunst aufsuchen werden. Solche, wie sie und in "Ruhestörung" nahetrat.

 

Stuttgarter Zeitung (31.03.2010)

Vom Zerbimmeln der Reizschwelle

Weinstadt Im Theater an der Linde hat heute "Ruhestörung" Premiere. Es ist der erste Soloauftritt von Oliver Nolte. Von Thomas Schwarz
 
Heute steht im Theater an der Linde in Strümpfelbach eine doppelte Form der Premiere an: das Stück Ruhestörung - ein Anfall" wird erstmals aufgeführt, und Oliver Nolte, der zusammen mit seiner Frau Birgit Nolte-Michel das private Theater leitet, steht erstmals solo im Vorkeller des Haupthauses auf der Bühne. Es wurde auch Zeit, da stimmt der Mime ohne zu zögern zu. Zwar hat der 44-Jährige bereits die Einpersonenauftritte seiner Frau inszeniert und er trat in einigen Stücken mit ihr auf, doch nun steht er ganz allein im Mittelpunkt. In einem Stück, das mit seinem grimmigen Humor sowohl komisch ist als auch wegen seines Themas nachdenklich macht: der alltägliche Lärm um uns herum und seine Folgen.

Den Protagonisten von Eugen Ruges Stück trifft die Kündigung durch den Vermieter wie aus heiterem Himmel. Denn er hat - aus seiner Sicht - doch gar nichts gemacht. Um ihn herum haben sie gelärmt, was das Zeug hielt, bis er, der immer still zu Hause saß und seiner Arbeit nachging, deswegen einen Wutanfall bekam und in seiner Wohnung herumschrie. Und ausgerechnet das lärmende Volk um ihn herum hat sich deswegen beschwert.

Man kennt diese Situationen: Da wirft einer eine elektrische Säge an, die nun stundenlang kreischend ins Holz beißt und jegliche Form konzentrierten Nachdenkens in Scheiben schneidet. Oder die Nachbarin, die ihre Stereoanlage so aufdreht, dass die Bässe das Geschirr im Schrank klirren lassen. Krach umgibt uns im Alltag überall, seien es die Nachbarn oder der Lärm von der Straße mit Gehupe, Geschrei und Motorengeheul. Empfindliche steigern sich da gern in etwas hinein. Noltes Protagonist ist auch so einer. Er ereifert sich über den Bohrmaschinen-Blödmann von nebenan und alle anderen rücksichtslosen Radaubrüder und -schwestern. Er ist der Einzige, der keinen Krach macht - außer während seines Wutanfalls - und jetzt soll ausgerechnet er die Konsequenzen spüren?

Manchmal fühlt man sich ertappt, wenn man dem Wüterich in seiner Tirade zuhört. "Es gibt im Grunde genommen fast keinen einzigen Tag innerhalb dieses Viertels, wo nicht auf ohrenbetäubende Weise gelärmt wird", knurrt er. Der Hund des Vermieters, der fortwährend bellt, wenn sein Herrchen weg ist, die Müllabfuhr, die morgens um sieben lärmt oder die "Werbe-Heinis", die alle "Bimmeln" betätigen, bis jemand öffnet. "So zerbimmeln die mir meine Arbeitszeit!" Wer ist dieser Mensch, der da allein in seinem Zimmer sitzt und mit der Umwelt hadert? Ein Wahnsinniger oder ein sensibler Mensch mit einer sehr niedrigen Wahrnehmungsschwelle, der noch den Wald rauschen und das Geräusch fallenden Schnees hört? Eher Letzterer.

Für die Theatermacher aus Strümpfelbach gab es mehrere Gründe, das Stück zu inszenieren. Einerseits ist es urkomisch, andererseits todernst und anrührend. Die Sprache des 1954 im Ural geborenen Eugen Ruge tut ihr Übriges. Im vergangenen Jahr wurde der Autor mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet.