Uraufführung des Ein-Personen-Stücks „Labyrinth“ von Eugen Ruge im Theater an der Linde
Von unserem Mitarbeiter Michael Riediger
Weinstadt.
Ein Ossi mit DDR-Deformation, gefangen im Labyrinth der Ängste, der sich in der Konsumwelt des Westens so sehr verliert, dass er nicht mehr weiß, wer er ist, ob die Laktat-Werte noch stimmen und er der Chefsekretärin in den Fuß gebissen hat – Oliver Nolte gab diesen Gehetzten als Paranoia-Performer ersten Grades. Auch wenn das Stück Längen aufweist.
Harter Stoff für eine Kleinkunst-Bühne, die vor allem für ihre Familiarität, ihre verbindende Unterhaltsamkeit beliebt ist: Oliver Nolte, Inhaber, Impressario, Regisseur und heute einziger Darsteller am Theater an der Linde, windet sich auf einer verschieden bunt ausgeleuchteten, ansonsten nahezu nackten Bühne wie unter Krämpfen, stöhnt, spuckt und furzt, gibt Obszönes von sich, fantasiert von halbnackten Kellnerinnen oder den bestrumpftbestrapsten Beinen einer Chefsekretärin, für die er sich gegen Ende sogar selber hält. Was eine drastische Travestie-Szene nach sich zieht, ein Verkleiden in Pumps und Rock, ein Kokettieren und Kichern, ein Stöckeln und Sticheln, wie es diesem Erzkomödianten sicher von Herzen kommt. Das er aber womöglich überzieht. Einziges schauspielerisches Manko neben einer Szene, in der Nolte den Besoffenen gibt – sprachlich auf der Höhe, nur mimisch nicht maximal. Weil eben kaum was so schwer zu spielen ist wie ein Rausch .
Ansonsten ist „Labyrinth“, die Uraufführung des bislang zweiten Eugen-Ruge-Stückes an diesem Theater, ein Triumph der komödiantischen Kunst des Oliver Nolte. Gleichzeitig ist es der gelungene Versuch einer Symbiose von Kleinkunst, wie sie im Strümpfelbacher Saustall von jeher zu Hause ist, und „ernstem“ Theater, eine Gratwanderung zwischen Literatur und der schieren Lust an ihr. Und, vor allem, ein Solo für einen Schauspieler, wie er zumindest im Kreis seinesgleichen sucht. Alle hängen an Noltes Lippen, auch der in der ersten Reihe sitzende Autor Eugen Ruge, etwa wenn der „Saustall“-Chef von „diesem typischen Organzeige-Geräusch“ sauigelt, mit dem sein Chef, Hosen runter, die Sekretärin Fräulein Trichter („Fräulein“ als demaskierende DDR-Vokabel!) „trichtert“. Bis es nur noch darum geht, zu trichtern oder getrichtert zu werden – ein Fazit des DDR-sozialisierten Helden auch bezüglich westlicher Sozialethik. Solch Sprach- und Wort-Witz gehört zum Stück, so wie die Beschreibung unterschiedlicher, meist zwanghafter Unterlegenheitsgefühle des Helden, der traumatisch ein Stück Leber erinnert, das zu essen ihn eine Kindergärtnerin einst zwang, oder die Identitätskrise wegen des ganz plötzlichen verschwundenen DDR-Staates – die Mauer fiel, „und es hat nicht mal richtig geknallt“.
Eine Lebenserfahrung, die zu labyrinthhaften Fragestellungen führt, für den Helden wie für den Zuschauer. Wo findet sich dieser Ralf Rapp, Erfinder des Nacht- federballs, wieder: in der Umkleide einer Sporthalle? Im Büro vor den Füßen der Sekretärin, die er beißt? In den Kerkern der Staatspolizei, weil Rapp irgendwann mal zwanghaft „Rotfront!“ brüllte? Im Notfallzimmer eines Zahnarztes, der ihm das Amalgam ziehen wird? Oder gar in der Vorhölle, im Sinne Sartres und des Stückes „Geschlossene Gesellschaft“?
Manches am Stoff will nicht recht greifen, etwa der Schluss, in dem der halluzinierende Held ins All abdüst, womöglich in den Tod – die Logik sollte nicht zu sehr befragen, wer sich auf dieses Labyrinth einlässt. Dafür wird er auf eine kluge Regie stoßen, die auch multi mediale Effekte wie Musik und Geräusche vom Band geschickt nutzt. Und er wird die Schauspielkunst des Oliver Nolte erleben.
Weinstadt Woche 31.03.2011