(Waiblinger Kreiszeitung, 26.11.2009)
Und wie sie singt!
Birgit Nolte macht die Billie Holiday
Weinstadt (mir). Dreimal hat Birgit Nolte-Michel bislang geübt, zweimal mit deutschen, einmal mit französischen Chansons. Um jetzt, zur Krönung ihrer Karriere als Sängerin, "Billie Holiday – Lady sings the Blues" auf die Bühne ihres Theaters an der Linde zu bringen, ein Stück über die legendäre Sängerin mit Monologen und Songs. Aber was für Songs! Und wie sie sie singt!
Bei der Generalprobe passieren der Diva ein paar Patzer.
Hier verrutscht ihr eine Perücke; dort verpasst sie den Einsatz, auch mal den Text. Und fragt dann mangels eines Souffleurs ins Dunkel hinein: "Olli?" Dieser, ihr Gemahl Oliver Nolte, hat nicht nur das fehlende Stichwort, sondern auch das Theaterstück "Billie Holiday – Lady sings the Blues" von Ulrich Greb inszeniert, eine Mixtur aus Monologen und Musik. Mit viel Text, gilt es doch, das Leben der großen Jazz-Sängerin zwischen Hurenhaus und Konzerthalle, Kur und Knast, Höhenflug und Absturz plausibel zu machen. Und dabei einen so triumphalen wie tragischen Werdegang von der Kleinkriminellen zur Grande Dame, von der Kneipe in die Carnegie Hall. Ein Werdegang, der das Leid der Schwarzen in den USA ebenso widerspiegelt wie die Tragik einer liebeshungrigen Frau, der aber auch mit unsterblichen Songs gepflastert ist.Und diese sind zum einen das, was die neuste Produktion des kleinsten Theaters Süddeutschland zu dessen bislang bester macht, zum anderen aber auch Stolpersteine für die Schauspielerin. Denn die muss einerseits mimen, andererseits fühlen, eine echte Zwickmühle für jeden Performer. Und wenn Birgit Nolte in einer Blues-Ballade wie "Don't explain" (you're my joy and pain) mit verblüffend authentischer Jazz-Phrasierung und aufregend rauer Intonation ihr Innerstes nach Außen zu kehren scheint, wenn sie singt, als gebe es sonst nichts auf der Welt für sie – wie soll sie da ganz plötzlich wieder umschalten und schauspielern? Wie soll sie nach so viel Gefühl so viel Text behalten?Dies sei nach der Generalprobe verraten: Die Gesangsleistung der gelernten Actrice hat sich zu Höhen entwickelt, die selbst nach gelungenen Programmen wie "Et voila - Edith Piaf", "Perle sucht Sau" oder "Experiment Diva" nicht zu erwarten waren. Mit "Lady sings the Blues" empfiehlt sich Birgit Nolte endgültig für die Konzertsäle.
Doch sie setzt auch all ihre Schauspiel- und Tricks der Kostüm-Kunst ein, um "Lady Day" zu werden, vom Scheitel, hier mit tollen Haarteilen und der obligaten weißen Geranie auffrisiert, bis zur Schuhsohle, sprich zu Pumps, passend zur zunehmend eleganteren Garderobe der tragischen Diva. Die anfangs, als ordinäres Straßenmädchen, das "den ersten guten Jazz im Bordell hörte" und lallend zugibt, drogenabhängig, nymphomanisch und kleptoman zu sein, im Flatter-Fummel in Harlem erscheint. Und später, als gefeierter, heroinabhängiger Weltstar, im Nerz, und drunter nahezu nichts, vor einem Manager flieht.Zur Inszenierung dieses wilden Lebens brauchen die Noltes nicht viel: eine weiße Treppe, auf der Lady Day bisweilen völlig stoned über ihr Leben schwadroniert und am Ende "God bless the child" summt; einen alten Koffer-Plattenspieler für ein paar Vinylscheiben, die uns sekundenlang mit Billie Holidays Originalstimme versorgen; einen Spiegel, vor dem sich die Diva schminkt, meist im schwarzen Nachthemd; und, vielleicht vor allem, drei hervorragende Musiker für das echte Blues-Feeling: Haus-Pianist Michael Lauenstein an Klavier und Akkordeon, den Gitarristen Sven Götz und Ekkehard Rössle, den großen Stuttgarter Saxofonisten.
(Stuttgarter Zeitung am 25.11.2009)
Hunger und Liebe
Weinstadt Mit „Lady sings the blues" feiert das Theater an der Linde heute Abend die Jazzlegende Billie Holiday. Von Thomas Schwarz
Sie sagen: niemand singt das Wort Hunger so wie ich." Doch es ist nicht nur der leere Magen, der schmerzt. „ Hunger und Liebe", sagt Billie Holiday, alias Birgit Nolte-Michel, auf der Bühne des Strümpfelbacher Theaters an der Linde: „ Hunger und Liebe treiben mein Leben an." In ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, als Kind misshandelt und vergewaltigt, ins Erziehungsheim gesteckt, von Rassisten gedemütigt, von Managern ausgebeutet und immer wieder von Menschen enttäuscht, gibt die Sängerin, die zur Jazzlegende wurde, scheinbar nicht auf. Tatsächlich flüchtet sie sich in Drogen und Alkohol, Aufenthalte in Entzugskliniken wechseln sich mit triumphalen Erfolgen ab.
Sie landet wegen Drogenbesitzes für zehn Monate im Knast. Als sie entlassen wird, wartet einer der Höhepunkte ihrer Karriere auf sie - ein Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall. „Draußen warten 3500 Menschen", sagt sie, dreht sich um und verschwindet durch den Vorhang. Der Applaus der begeisterten Menge ist bis hinter die Bühne zu hören. Dieser kommt allerdings vom Band, denn 3500 Zuschauer passen nicht in den Vorkeller des Theaters an der Linde. Der Rest ist live: die Musik, das Schauspiel und vor allem der Gesang Birgit Nolte-Michels, eine starke Interpretation der Lieder Billie „Lady Day" Holidays.
„Lady sings the blues" ist nicht nur der Titel des wohl bekanntesten Songs von Billie Holiday, sondern auch der Titel des Stückes, das Ulrich Greb, der Intendant des Schlosstheaters Moers, geschrieben hat. Ein Stück für eine Schauspielerin, die sich in Monologen und Liedern der Person der Sängerin nähert, die 1959 ihre Autobiografie veröffentlichte, welche sie ebenfalls „Lady sings the blues" nannte.
„Wir schlagen mit dem Stück ganz neue Töne an", sagt Oliver Nolte, der die Regie führt und für die Bühnentechnik zuständig ist. „Wir haben uns damit mehr hin zum Schauspiel verlegt." Seit Oktober ist er wie seine Frau zu h undert Prozent im Theater beschäftigt. „Probenintensive Sachen sind jetzt mehr möglich", sagt der Schauspieler, der mit Birgit Nolte-Michel das Theater an der Strümpfelbacher Hauptstraße betreibt, das mit dem Saustall die kleinste Bühne der Region besitzt. „Als wir ,Lady sings the Blues" gelesen hatten, war uns sofort klar, dass es hierher passt. Es braucht die Nähe zum Publikum.".
Und näher als im Theater an der Linde kann der Zuschauer dem Geschehen kaum sein. Das Publikum wird in das Stück einbezogen. Immer wieder flirtet die Sängerin mit den Zuschauern, beschimpft sie aber auch oder lässt sie einfach sitzen, weil sie zu betrunken ist, um aufzutreten. Auch auf der großen Bühne im Vorkeller ist der Raum begrenzt, wer ganz rechts außen sitzt, kann auf das Klavier von Michael Lauenstein hinunterschauen, in der ersten Reihe sitzen der Saxofonist Ekkehard Rössle und der Gitarrist Sven Götz.
Trotz des kleinen Raums wird die Musik nie zu laut, selbst bei den fetzigen Nummern wie „Jeepers Creepers" nicht. Auf Fans von Billie Holiday, die immer noch eine Carnegie Hall füllen können, wartet eine beeindruckende und anrührende Interpretation ihrer Hits wie „Autumn in New York", „On the sunny side of the street" oder „I love my man".
„Lady sings the blues" feiert heute Premiere. Bei der Aufführung am Freitag - übrigens dem sechsten Geburtstag des Theaters - wird der 33 000. Zuschauer erwartet.